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Ashton Applewhite

Altersdiskriminierung neu denken

Ashton, die vereinten Nationen bezeichnen Altersdiskriminierung als „das letzte akzeptable Vorurteil“. Doch jeder möchte länger leben. Wie passt das zusammen??

Genau dieser Widerspruch ist der Punkt. Keine Voreingenommenheit ist rational – insbesondere Altersdiskriminierung, die im Wesentlichen eine Diskriminierung unseres zukünftigen Ichs darstellt. Niemand möchte jung sterben, doch die meisten von uns fürchten das Älterwerden. Ich bezeichne Altersdiskriminierung jedoch nicht mehr als „das letzte akzeptable Vorurteil“, denn alle Formen von Vorurteilen sind leider immer noch viel zu akzeptabel. Wir erleben, wie verschiedene Formen der Diskriminierung – Rassismus, Sexismus – weiterhin weit verbreitet und in manchen Fällen sogar normalisiert sind.

Entscheidend ist, zu verstehen, dass all diese Vorurteile miteinander verbunden sind. Altersdiskriminierung existiert nicht isoliert. Die gute Nachricht ist: Wenn wir uns mit irgendeiner Form von Vorurteil auseinandersetzen, können wir die Angst und die Unwissenheit, die ihnen allen zugrunde liegen, Stück für Stück abbauen.

Wenn Vorurteile irrational sind, warum sind sie dann so hartnäckig?

Der Mensch ist nämlich nicht in erster Linie ein rationales Wesen. Wir bilden uns zwar gerne ein, dass dem so ist, doch tatsächlich lassen wir uns viel stärker von Emotionen und Erzählungen leiten als von Fakten. Vorurteile sind Gewohnheiten, also tief verwurzelte und meist unbewusste Denkweisen. Um sie zu ändern, sind Anstrengung und Selbstreflexion erforderlich. Umlernen ist nicht einfach, besonders wenn es um Werte geht. Aber es ist möglich und kostenlos.

Sie arbeiten seit über 20 Jahren gegen Altersdiskriminierung. Hat sich etwas verbessert??

Ja! Als ich anfing, kannten viele Menschen nicht einmal die Bedeutung des Wortes. Heute ist das anders. Das Bewusstsein hat weltweit enorm zugenommen. Diese Sichtbarkeit ist Fortschritt. Bewusstsein ist immer der erste Schritt zur Veränderung.

Interessanterweise kann dieses gestiegene Bewusstsein den Eindruck erwecken, Altersdiskriminierung würde schlimmer. Ich glaube nicht, dass das der Fall ist. Ich denke wir sehen sie jetzt deutlicher und lernen sie anzuprangern.

Wie sollte man reagieren, wenn man als „zu jung“ oder „zu alt“ bezeichnet wird?

Eine gute, universelle Antwort auf eine altersdiskriminierende Bemerkung ist ganz einfach: „Was meinen Sie damit?“ Fragen Sie neutral nicht defensiv. Das regt die andere Person dazu an, ihre Annahme zu überdenken und zeigt oft, dass das Alter gar nicht der entscheidende Punkt ist.

Denn „zu jung“ und „zu alt“ sind bedeutungslos. Es gibt immer ältere und jüngere Menschen die etwas können oder eben nicht können. Jemand könnte zu erfahren oder zu unerfahren sein oder einfach kein Interesse daran haben. Das Alter ist nur ein Indikator. Die Frage ist: welche Eigenschaft oder Qualifikation ist gemeint.

Was ist mit Aussagen wie „60 ist das neue 40“? Harmlos oder problematisch?

Sie mögen gut gemeint sein, sie sind aber altersdiskriminierend, weil sie die Vorstellung bestärken, dass jünger besser ist. Sechzig zu sein ist heute anders als vor hundert Jahren, weil wir länger und gesünder leben. Aber es ist immer noch sechzig.
Ein wichtiger Punkt ist, dass wir unterschiedlich schnell altern. So werden Menschen im Laufe ihres Lebens immer unterschiedlicher. Beispielsweise ist eine Gruppe von 60-Jährigen körperlich, kognitiv und sozial deutlich heterogener als eine Gruppe von 30-Jährigen.

Viele Menschen erkennen Altersdiskriminierung gar nicht. Vor allem nicht bei sich selbst. Warum?

Die westliche Kultur überflutet uns mit negativen Botschaften über Alter und Altern. Solange wir diese Werte nicht hinterfragen, verinnerlichen wir sie und wenden sie unbewusst auf uns an. Das ist selbstbezogene Diskriminierung.

Beispielsweise könnte jemand Anfang 30 ein körperliches Symptom ignorieren und es dem „Alterwerden“ zuschreiben anstatt ärztliche Hilfe in Anspruch zu nehmen. So kann verinnerlichte Altersdiskriminierung schon früh im Leben unser Selbstbild und unser Verständnis von unserem Platz in der Welt beeinträchtigen. Der Schlüssel liegt in der Achtsamkeit. Sie beginnt mit Selbstreflexion. Hinterfragen Sie Ihre eigenen Annahmen über das Alter. Sobald man diese Muster an sich selbst erkennt, wird einem bewusst, wie tief sie in unserer Kultur verwurzelt sind. Diskriminierung ist ein gesellschaftliches sowie ein politisches Problem und kein persönliches Versagen. Das ist befreiend.

Was können Einzelpersonen gegen Altersdiskriminierung tun?

Tragen Sie dieses Bewusstsein in die Welt hinaus.
Kleine Taten zählen. Freundschaften mit deutlich jüngeren oder älteren Menschen sind ein Akt gegen Altersdiskriminierung. Hinterfragen Sie Stereotype.
Sprechen Sie es an, wenn Sie etwas altersdiskriminierendes hören oder sehen, aber bitte freundlich. Schweigen führt zu keiner Veränderung.

Man kann nicht zu klein oder zu spät anfangen. Veränderung erfordert keine großen Gesten. Sie erfordert ständige, bewusste Anstrengung.

Und was sollten Unternehmen tun?

Es gibt viele praktische Schritte wie z. B. altersunabhängige Einstellung, gleichberechtigter Zugang zu Weiterbildungen und die Bekämpfung von Vorurteilen in der Unternehmenskultur. Es gibt überzeugende wirtschaftliche Argumente: Altersdiverse Teams sind innovativer. Deshalb sind altersgerechte Unternehmen profitabler und bessere Arbeitsplätze. Die Datenlage ist eindeutig. Noch einmal: Vorurteile sind sinnlos.

Aber Altersgerechtigkeit ob am Arbeitsplatz oder anderswo erreichen wir nicht ohne einen grundlegenden Kulturwandel.

Was gibt Ihnen Hoffnung?

Wir bewegen uns langsam auf eine vielfältigere und vernetzter Welt zu. Dazu gehört auch Altersvielfalt.

Die Chancen sind enorm. Doch um sie voll auszuschöpfen, müssen wir unsere Vorurteile aktiv hinterfragen und unsere Sichtweise auf das Alter und das Älterwerden neu gestalten. Dabei geht es nicht nur um ältere Menschen. Jeder wird älter, von der Geburt an, und Altersdiskriminierung ist die einzige Vorurteilsform, der jeder begegnet. Bei der Bekämpfung von Altersdiskriminierung geht es darum, wie wir alle im Laufe unseres gesamten Lebens leben und behandelt werden wollen.